Musica Sacra im Wittekindsland
Förderverein für Kirchenmusik im Pastoralen Raum Wittekindsland

Die Muhleisen-Orgel in St. Josef Bünde (2019)

Orgelneubau in St. Josef Bünde


Hintergrund und Rahmen des Projektes
Ursprünglich waren es nur das undichte Dach, das repariert, und Kältebrücken an
den Wänden, die saniert werden sollten. Doch im Zuge der Planungen wurde die
Besonderheit und Bedeutung dieser Kirche deutlich, als exemplarisches Beispiel für
die Kunst der 1960er und frühen 1970er Jahre und insbesondere das
Zusammenwirken des Architekten Joachim Georg Hanke (geb. 1931) mit dem
Künstler Otto Herbert Hajek (1927 - 2005), der die 1967 gebaute Kirche 1974
ausgemalt hatte. Seit Anfang 2015 ist die Kirche St. Josef als Denkmal eingetragen,
und nun ging es um nicht mehr und nicht weniger als die vollständige Restaurierung
und Sanierung der Denkmalskirche St. Josef. Dies beinhaltete eine Neufassung und
damit letztlich Vollendung der ursprünglichen Pläne für eine künstlerische
Glasfassade, ferner den Ausbau einer Werktagskapelle sowie eines
behindertengerechten (sog. „differenzierten“) Zugangs – und auch eine neue Orgel!
Eine neue Orgel für die denkmalgeschützte Kirche
Nach Errichtung und Weihe der Kirche 1967/68 war zunächst ein Orgelpositiv als
Interimsinstrument in Funktion, bevor 1975 Orgelbau Speith aus Rietberg eine neue
Orgel einbaute (II/11). Im inzwischen von Hajek künstlerisch vollständig ausgemalten
Raum wurde diese Orgel notgedrungen oberhalb eines Windfangs am Eingang
positioniert – dort schwer zugänglich und vor der damaligen, nicht isolierenden
Industrieverglasung starken Temperaturschwankungen ausgesetzt. Aufgrund dieser
beengten Verhältnisse blieb die Orgel ohne eine Prinzipal-8‘-Basis, gesteuert wurde
sie elektrisch vom Spieltisch am Boden ohne Sichtkontakt zur Orgel. Ein
Blitzeinschlag in die Kirche, der 2016 während der Sanierung einige Register
beschädigte, war da fast als Fügung anzusehen, die die Notwendigkeit einer neuen
Lösung deutlich machte.
Etwa gleichzeitig mit den Planungen für die Sanierung entwickelten sich die
Überlegungen zum neuen Pastoralen Raum Wittekindsland, in den die einzelnen
Kirchengemeinden nach der bevorstehenden Pastoralvereinbarung integriert sein
werden. Eine Befragung nach Wünschen und Anliegen der Gemeinde hatte ergeben,
dass gerade die Kirchen- und Orgelmusik vielen besonders wichtig ist. Daher hat die
Gemeinde St. Josef entschieden, die Chance zu nutzen und einen Orgelneubau in
bescheidenen Dimensionen in den großen Restaurierungsplan einzubinden.
Künstlerischer Orgelbau-Wettbewerb
Für die Auswahl des richtigen Instrumentes und des Orgelbauers waren besondere
Kriterien ausschlaggebend: Zum einen musste eine geeignete Position für die Orgel
gefunden werden und eine äußere wie innere Gestalt, die klanglich und bautechnisch
im Raum überzeugt, aber gleichzeitig das bestehende Raum-Kunst-Konzept von
Hanke/Hajek berücksichtigt. Zum Denkmal sollte sie nicht konkurrieren, sondern sich
integrieren. Zum anderen sollte es eine vollgültige Orgel (diesmal auf Prinzipal-8‘-Basis) sein, die liturgisches und – in kleinerem Umfang – konzertantes Orgelspiel
ermöglicht und in aller Bescheidenheit als eigenständiges Kunstwerk gelten kann.
Diese Aufgabenstellung konnte sinnvoll nur durch einen künstlerischen
Ideenwettbewerb mehrerer Entwürfe von verschiedenen Orgelbauern gelöst werden,
den die Gemeinde 2016 durchführte. Klarer Gewinner dieses Wettbewerbs war der
elsässische Orgelbauer Manufactured’Orgues Muhleisen aus Eschau bei Straßburg
mit seinem Entwurf einer frei in den Raum gestellten, hoch aufragenden Orgel auf
kleinstem, asymmetrischem Gehäusegrundriss.
Das asymmetrische Gehäuse
Einerseits nimmt die äußere Form der Orgel Rücksicht auf den ausgemalten Raum
als Kunstwerk: Schlank und freistehend ermöglicht sie einen weitgehend freien Blick
auf die Wandkomposition Hajeks – insbesondere auf die oft als Sonne gedeutete
Kreisform auf der Rückwand der Kirche. Die natürliche Maserung des Eichenholzes –
ideal als Material für ein Orgelgehäuse – scheint durch die flächige Lasur in
zurückhaltendem Grau hindurch. Die Prospektpfeifen des Prinzipal 8‘ sind in mattem
Rohguss verblieben – von Hand gegossen und auf Länge geschnitten von
Muhleisen, dies ist eine ihrer handwerklichen Spezialitäten. Die auf der anderen
Seite des Gehäuses im Prospekt stehenden Holzpfeifen des Soubasse / Bourdon 16‘
bilden dort eine fast nahtlos glatte Fläche. Der asymmetrische Grundriss folgt den
vorgegebenen Linien des Bodens und des Raumes.
Diese Asymmetrie setzt sich andererseits sehr eigenständig fort: Kaum eine Fläche,
ein Holm, Pfosten oder Querbalken, der rechte Winkel bildet. Auch das Pultdach –
asymmetrisch der Grundfläche folgend – ist mit Gefälle aufgesetzt, ähnlich dem Dach
der Kirche. In diese völlig einzigartige Gesamtform der Orgel die sichtbaren Pfeifen
ebenso harmonisch wie großzügig und mit klarer Linienführung der Labien
einzupassen, während im Inneren auf engstem Raum alle Werkteile hoch funktional
und effizient bei fantastischer Qualitätstiefe verbaut sind – das ist das wahre
Kunstvermögen der Manufactured’Orgues Muhleisen.
Aufbau der Orgel
Trotz geringer Anzahl klingender Register hat die Orgel 2 vollständige Werke: die
Grand-orgue (GO - Man. I) und das Positif (Pos - Man. II) sowie das Pédale, das
über 4 Register als Transmissionen aus diesen beiden Werken verfügt. Etwa in der
Mitte der Orgel verläuft waagerecht die Zwillings-Windlade - zwei ineinander
verschränkte Laden von GO und Positif. Register- und Tastentraktur erfolgen
mechanisch. Die Mechanik einschließlich des türgroßen, aus Platzgründen senkrecht
eingebauten Magazinbalgs befindet sich im „Erdgeschoss“, d.h. unterhalb der
Ladenkonstruktion. Im „Obergeschoss“ bis zum Dach sind die Pfeifenreihen
aufgestellt. Die Manualtasten bestehen aus Fichte mit Ebenholz-Belag, die
Obertasten aus Ebenholz mit Knochenbelag. Das Pedal (Eiche) umfasst 30 Töne
und folgt, doppelt geschweift, der BDO-Norm. Genial: Der Spieltisch wird ganz
einfach mit einem durch Seilzug und Gegengewicht gehaltenen festen Rollladen
verschlossen, der zugleich die Spieltischbeleuchtung schaltet. Das spart Platz und
Mühe – und ist unverwüstlich.

  • Bünde_schräg
    Bünde_schräg
  • Bünde_geschlossen
    Bünde_geschlossen
  • Bünde_seitlich
    Bünde_seitlich
  • Bünde_vorne
    Bünde_vorne
  • Bünde_Spieltisch
    Bünde_Spieltisch

Disposition der Orgel:


* Transmissionen
Stimmton a = 440 Hz bei 18° Celsius
Temperierung: Muhleisen II (leicht ungleichstufig)
Die klangliche Disposition folgt – bezogen auf die überschaubare Registerzahl - im
weiten Sinne der Vorstellung des berühmten französischen Orgelbauers Aristide
Cavaillé-Coll (1811 - 1899) von klanglicher Ökonomie: wenige Register mit je klarem,
ausdrucksstarken Charakter, die einzeln bereits wunderbar musikalisch klingen, sich
aber auch mit den anderen Registern gut mischen und dabei einen hohen
Klangreichtum erzeugen können. Einige Besonderheiten:

Soubasse / Bourdon 16‘

Aus der Vorgängerorgel übernommen und umgearbeitet/restauriert und
ergänzt.
Als Transmission sowohl selbständig im Pedal als auch im ersten Manual
registrierbar.

Principal 8‘

Ein eher schlank mensurierter Prinzipal, der nicht nur Grundlage des Plenums
ist, sondern sich auch sehr gut mit den anderen, auch den 8‘-Registern
mischt. Der Gesamtklang bleibt dabei sehr transparent und durchhörbar.

„Cornet décomposé“

Die Zusammenstellung der Einzelregister Bourdon 8‘, Flûte à cheminée 4‘,
Nasard 2 2/3‘, Flûte 2‘ und Tierce 1 3/5‘ des zweiten Manuals ergeben eine
Kornett-Registrierung, die im französischen Orgelbau „Cornet décomposée“
genannt wird.

Trompette 8‘

In voller Länge gebaut, französische Bauweise mit Bertounèche-Kehlen und
dem für französische Orgelmusik typischen Klangcharakter.
Im Bassbereich mit deutschen Kehlen für einen etwas weicheren Klang, da die
Trompette per Transmission auch als Pedalregister eingesetzt werden kann.

Fazit
Die „kleine“, dezidiert französische neue Orgel in St. Josef in Bünde rundet nicht nur
das Gesamtprojekt der künstlerischen Sanierung und Restaurierung der
Denkmalkirche ab, sondern stellt sowohl für die Gemeinde als auch für alle Freunde
hochwertigen Orgelbaus ein besonderes liturgisches wie künstlerisches Instrument
dar.

April 2019
Dr. Jürgen Wulf